„Gesunde“ Lebensmittel ?

„Stärkt das Immunsystem“, „für gesunde Knochen und Gelenke“ und so weiter… Die Lebensmittelverpackungen strotzen nur so davon (wir haben das alle sicher schon mal beim Einaufen gelesen). Vollmundige Versprechungen zu angeblichen Gesundheitswirkungen von Lebensmitteln.

Bei diesen Begriffen handelt es sich um gesundheitsbezogene Angaben, die in der sog. Health Claims-Verordnung geregelt sind. Das bedeutet, die Verwendung von Aussagen mit besonderem Bezug zur Ernährung und Gesundheit im Zusammenhang mit Lebensmitteln, ist ab jetzt gesetzlich geregelt. Das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz, ebenso wie die Verbraucherzentralen weisen darauf hin. Ab 1. Dezember 2012 gelten die neuen Regelungen zu gesundheitsbezogenen Angaben auf Lebensmitteln.

Die Liste enthält zum Beispiel Angaben über die Rolle von Vitamin C für das Immunsystem oder von Calcium für gesunde Knochen. Für alle Verbraucher in der EU bedeutet das einen wichtigen Schritt in Richtung mehr Transparenz. Wir können uns in Zukunft darauf verlassen, dass gesundheitsbezogene Angaben über Lebensmittel überall in der EU wissenschaftlich fundiert sind. Ein Schutz vor Irreführung und Fehleinkäufen steht ebenfalls im Vordergrund, denn meist sind Lebensmittel mit Gesundheitsnutzen teurer als „normale“ Lebensmittel.

Seit dem 1. Dezember 2013 sind viele unsinnige Werbeaussagen verboten.

Unilever darf nicht mehr behaupten, dass Lipton Schwarztee die Konzentrationsfähigkeit fördert. Ferrero kann nicht mehr damit werben, dass Kinderschokolade das Wachstum unterstütze. Und der probiotische Trinkjoghurt Yakult muss ohne die Behauptung vermarktet werden, dass er die Immunabwehr gegen Krankheitserreger stärkt.

Auch einige Wirkstoffgruppen sind durchgefallen:

  • Cranberry zur Förderung der Blasengesundheit
  • Phytoöstrogene zur Besserung von Wechseljahrsbeschwerden
(Um nur einige Beispiele zu nennen.)

Trotz der neuen Regelungen bleiben viele Werbetricks und Verbraucherfallen bestehen. So zu lesen bei der Verbraucherzentrale Hamburg. Hier nun einige Beispiele für solche Verbraucherfallen:

Werbung mit Selbstverständlichkeiten

Dass Vitamin C für die Immunabwehr wichtig ist und Calcium für den Erhalt der Knochen, weiß in Deutschland jedes Kind. Als erwiesen gilt überwiegend, was schon lange bekannt ist.
Nur weil Produkten jetzt Vitamin C oder Calcium zugesetzt wird, oder entsprechende Nahrungsergänzungsmittel auf dem Markt sind, heißt das nicht, dass man sie kaufen muss, um seinen Nährstoffbedarf zu decken. Das bei uns im Land vielfältige Angebot an frischem Obst und Gemüse, Milchprodukten und vielem mehr, reicht in der Regel zur Nährstoffbedarfsdeckung aus. Denn es gibt in Deutschland seit langem keine „Vitaminmangelerkrankungen“ mehr!

Die Gefahr von Überdosierung von Vitaminen und Mineralstoffen

Wer häufig zu angereicherten Produkten oder Nahrungsergänzungsmitteln greift, riskiert unter Umständen eine Überversorgung mit bestimmten Vitaminen und Mineralstoffen und bringt somit seinen Stoffwechsel durcheinander. Hinweise, dass künstliche Vitamine und eine erhöhte Zufuhr bestimmter Mineralstoffe eher schaden als nützen, häufen sich. Insbesondere können Kleinkinder und Kinder, die sogenannte „Kinderlebensmittel“ zu sich nehmen, leicht zu viel an Vitaminen und Mineralstoffen aufnehmen, was nicht absehbare gesundheitliche Folgen haben kann. Beispielsweise ist eine zusätzliche Aufnahme von Eisen umstritten. Mit 50 Gramm Frühstückscerelalien Nestlè cini Minis und einem 0,25 Liter Glas Rotbäckchen Klassik Saft nehmen Kinder zwischen 7 und 9 Jahren das Eineinhalbfache ihrer empfohlenen Tagesdosis an Eisen auf.

„Zucker- und Fettbomben“ werden aufgewertet

Ernährungsphysiologisch ungünstige Lebensmittel dürfen nicht mit dem positiven Image Gesundheit werben. Das legt jetzt die „Health Claim-Verordnung fest. Die sogenannten Nährstoffprofile sollten Höchstwerte für Zucker, Fett und Salz festlegen, werden diese überschritten, sollte auch keine gesundheitsbezogene Werbung erlaubt sein. Hersteller können derzeit „Fett- und Zuckerbomben“ einen gesunden Anstrich verpassen, indem sie sie beispielsweise mit Vitaminen anreichern.

Nebenwirkungen nicht ausgeschlossen

Lebensmittel wie Margarine und Milch, denen Pflanzensterole zugesetzt wurden, können nachgewiesenermaßen den Cholesterinspiegel senken und dürfen auch so beworben werden. Obwohl sie von Personen gegessen werden sollten, die erhöhte Cholesterinwerte haben, zeigen Untersuchungen, dass sie regelmäßig von jedermann verzehrt werden – selbst von Vorschulkindern. Außerdem gibt es Zweifel an dem Gesundheitsnutzen dieser Art der Cholesterinsenkung. Man befürchtet, dass ein zu hoher Phytosterolspiegel im Blut, der durch diese Produkte erzeugt werden kann, zu arteriosklerotischen Gefäßveränderungen führen kann.

Werbung für Health Claims begünstigen den Verzehr von „Industrienahrung“

Für naturbelassene Lebensmittel gibt es keine Health Claims, dabei gibt es genau für diese Lebensmittel jede Menge wissenschaftliche Belege, dass sie der Gesundheit nutzen und zwar langfristig. Zum Beispiel senken sie das Risiko für Krebserkrankungen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen.

Health Claims gibt es vor allem für industriell stark verarbeitete Nahrungsmittel mit Gesundheitswirkungen. So entsteht für den Verbraucher ein verzerrtes Bild – zugunsten der Industrienahrung.

Höhere Preise für fragwürdige Gesundheitsnutzen

Häufig sind Produkte, die mit gesundheitlichen Wirkungen werben, teurer als normale Vergleichsprodukte, obwohl der Gesundheitsnutzen für den Verbraucher fraglich ist.

Beispiel:       

  • herkömmlicher Joghurt (Preis für 4 Becher) 0,55 Euro
  • als probiotischer Joghurt deklariert              0,75 Euro
  • Preis pro Liter Valensina Orangensaft für 1,49 Euro (enthält viel Vitamin C)
  • Orangensaft plus Zink plus Vitamin C (Zinkzusatz überflüssig) für 1,69 Euro
Zwar kann uns Verbraucher diese neue Health Claims-Verordnung vor weiterer Bewerbung von Lebesnmitteln mit gesundheitsbezogenen Aussagen, die fragwürdig sind, schützen. Man ist als Verbraucher aber überfordert bei der Einschätzung, ob das eigene Essverhalten bereits zu einer Überversorgung führen kann oder nicht. Es fehlen Angaben, wie mit vielen Stoffen angereicherte Lebensmittel wirken und wie man sich vor negativen Folgen schützen kann. Und das Wichtigste fehlt: die Festlegung der sogenannten Nährstoffprofile, damit Zucker und Fettfallen nicht durch Zusatz von Vitaminen zu "Gesundheitsprodukten" mutieren.


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